Es ist spät und ich bin müde, aber hier endlich meine wesentlichen Argumente pro Quote und einige Quellen und Links dazu. Nie vollständig, aber ein Anfang!
Meine Vorstellung einer Quote:
Vorstände und Aufsichtsräte börsennotierter Unternehmen bestehen zu je maximal 60% aus Vertretern eines Geschlechts.
Nach einer Übergangsfrist von 5 Jahren gelten Sanktionierungen für die Nicht-Einhaltung dieser Quotierung.
vgl. dazu die bisherigen Gesetzesentwürfe von Grüne und SPD oder auch die Regelungen anderer europäischer Länder (sh Links unten)
Es muss endlich was passieren!
2001 wurde eine freiwillige Vereinbarung zwischen der damaligen Regierung und den Spitzenverbänden der deutschen Wirtschaft geschlossen, die besagte, dass sich die beteiligten Unternehmen aktiv für mehr Geschlechtergerechtigkeit einsetzen werden. Betrachtet man die Führungsgremien dieser Unternehmen, ist klar, wozu diese Selbstverpflichtung gut war: Nichts.
In den 200 größten Unternehmen waren in 2011 nur 3% der Vorstände und knapp 12% der Aufsichtsräte Frauen. Diese Werte sind seit mehreren Jahrzehnten nahezu unverändert. Versetze ich mich in die Situation eines DAX-Vorstands kann ich das sogar nachvollziehen. Die bisherigen Mechanismen zur Bestellung neuer Vorstände / Aufsichtsräte funktionieren, und mit mittelalten weißen Akademikern hat man viel Erfahrung. Die Umstellung dieser Prozesse verunsichert erstmal, kostet Mühe und auch Geld. Dem Gegenüber stehen zwar erwiesenermaßen höhere und nachhaltigere Renditen in Unternehmen mit diversen Management-Teams, allerdings treten diese erst nach mehreren Jahren ein und sind damit eher außerhalb des direkten Horizonts der Vorstände, die meist auf den Profit der nächsten zwei bis drei Jahre fokussiert sind. Demzufolge würde auch eine freiwillige Flexi-Quote nichts bringen.
Wenn die politische Meinung also ist, dass diese Mechanismen zur Machtverteilung nicht unserer gesellschaftlichen Vorstellung von Geschlechtergerechtigkeit entsprechen, müssen wir den Unternehmen klare Vorgaben machen.
Das Grundgesetz
Und dieser Auftrag besteht nicht nur auf Grund einer moralischen Verpflichtung. In Art 3 Absatz 2 unseres Grundgesetzes steht nicht nur, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind, sondern auch, dass der Staat Maßnahmen zu ergreifen hat, um auf die Beseitigung bestehender Missstände in Sachen Geschlechtergerechtigkeit hinzuwirken.
Auf Basis ähnlicher rechtlicher Grundlagen haben bisher schon 8 Länder in Europa Geschlechterquoten umgesetzt. (Neben Norwegen als Vorreiter z.B. auch Frankreich und wer hätte es geglaubt: Beide Länder haben immer noch eine florierende Wirtschaft!
) Die zuständige EU-Komissarin Vivian Reding hat angekündigt möglicherweise eine EU-Vorgabe bezüglich Geschlechterquoten in der Wirtschaft zu erlassen, da auch sie den aktuellen Stand für nicht akzeptabel hält.
Diskriminierung ist real
Auch wenn alle Menschen laut Gesetz gleichberechtigt sind und wir seit einigen Jahren ein sehr klares Gleichstellungsgesetz haben, dass sich gerade auch auf Beschäftigungsverhältnisse bezieht, werden Frauen immer noch strukturell diskriminiert, sobald sie in höhere Karrierestufen vordringen. Das Phänomen, das als gläserne Decke bekannt ist, beruht auf vielen verschiedenen, meist subtil wirkenden Mechanismen. Gegen diese rechtlich Vorzugehen, ist meist kaum möglich. Umso weiter oben in der Hierarchie, umso eher tendieren die dort arbeitenden Gruppen zu sozialer Schließung. Natürlich wird heutzutage kaum ein Vorstand mehr sagen, dass er nicht mit einer Frau (einem Homosexuellen, einer Ausländerin…) arbeiten will, aber er verfügt über genug Handlungsmöglichkeiten, es trotzdem zu verhindern.
Qualifikation vor Geschlecht (Herkunft, Golfclub..)
Solche geschlossenen Gruppen tendieren dazu, sich selbst zu reproduzieren. Vier 50jährige weiße deutsche Akademiker werden eher einen Mann mit ähnlichem Hintergrund zu ihrem nächsten Kollegen machen als eine Frau, da sie implizit annehmen, dass sie mit ihm mehr verbindet und sie daher besser mit ihm zusammenarbeiten können.
Qualifikation ist für die Top-Jobs in der Wirtschaft also zwar ein (normalerweise…) notwendiges Kriterium, aber nicht das ausschlaggebende. Eine Quote würde also eher dafür sorgen, dass die Qualifikation wichtiger wird, da das die Anforderung ist, nach der KandidatInnen dann gescreent werden. (Natürlich werden weiterhin vor allem auch so schon privilegierte Personen in diese Gremien kommen. Aber es hat ja auch niemand behauptet, dass die Quote den Weltfrieden bringt.)
Im Idealfall sorgt eine Quote dafür, dass die Auswählenden ihren Fokus öffnen und auf Personen aufmerksam werden, die besser als andere für den Job geeignet sind, die sie aber vorher wegen zuvieler (unbewusster) Filter gar nicht auf dem Schirm hatten.
Gemischter ist besser
Es gibt mittlerweile mehrere Studien, die deutlich zeigen, dass Unternehmen mit gemischten Leitungsgremien die besseren, ja sogar profitableren sind. Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen kommen zu ausgewogeneren, oft auch innovativeren Entscheidungen, zudem sind Frauen derzeit wohl tendenziell risikoaverser (sozialisiert).
Eine Geschlechterquote könnte also ein erster Schritt in Richtung diverser Managementteams sein und damit auch einen direkten Nutzen für unsere Wirtschaft haben.
Und ich bin der Überzeugung, dass auch andere, derzeit diskriminierte, Gruppen davon profitieren würden, wenn durch eine Geschlechterquote die derzeitige Mono-Kultur an den Konzernspitzen aufgebrochen wird.
Die Hälfte der Macht
Momentan leben wir in einer Gesellschaft, die eigentlich nur zwei Geschlechter kennt. Dieses binäre Denken ist aus so vielen, vielen Gründen zu eng, überkommen und oft einfach falsch. Nichtsdestotrotz denken derzeit nicht nur die meisten Menschen in Männer/ Frauen, sondern identifizieren sich auch sehr klar mit einem dieser Geschlechter.
Solange es für Mädchen und Jungen, für Frauen und Männer unterschiedliche Rollenbilder gibt, müssen wir die, die dadurch benachteiligt werden, direkt adressieren. Und in den Chefetagen der deutschen Wirtschaft sind das heute vor allem Frauen. Es kann meiner Meinung nach nicht angehen, dass in einer fortschrittlichen und aufgeklärten Gesellschaft wie unserer die einflussreichsten Positionen fast ausschließlich von Männern besetzt sind. Diese Vorstände leiten nicht nur große Konzerne, in denen Tausende Menschen arbeiten und stehen als RepräsentantInnen in der Öffentlichkeit, es ist nichts Neues, dass sie auch eng mit PolitikerInnen und Parteien vernetzt sind.
Indem mehr Frauen solche Ämter bekleiden und damit über wirtschaftliche Macht und eine nicht zu unterschätzende Vorbildwirkung verfügen, umso normaler wird es. Bis es hoffentlich irgendwann wirklich egal ist, welches Geschlecht eine Führungskraft hat.
Quote hilft nicht nur denen da oben
Ja, eine Quote für Aufsichtsräte und Vorstände würde direkt nur einen sehr kleinen Personenkreis betreffen. Aber wenn man mit einem relativ einfachen Mittel in einem kleinen Kreis für mehr Gerechtigkeit sorgen kann, dann sollte man das tun. Zumal es sich eben um eine Gruppe mit besonders großer Symbol- und damit auch Vorbildwirkung handelt.
Aus ganz eigennützigen Gründen, werden Unternehmen, für die eine Geschlechterquote in den Spitzengremien gilt, auch auf den Ebenen darunter mehr Geschlechtergerechtigkeit fördern – irgendwoher müssen die zukünftigen Vorstandsfrauen ja kommen. Und da die Unternehmen auf diese Frauen angewiesen sein werden, werden sie auch dafür sorgen müssen, dass Frauen gerne dort arbeiten. Ich sehe hier große Chancen, dass eine Quote für eine Veränderung von Arbeitsbedingungen, hin zu einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie für alle ArbeitnehmerInnen führen kann.
Und wenn es selbstverständlich ist, dass mehr Frauen im Management Karriere machen wird es vielleicht sogar ein bisschen selbstverständlicher, dass Männer in Kindergärten arbeiten.
Nachsatz: Wirtschaft != Politik != Piraten
Noch einen fünf Sätze zur Quote in der Politik allgemein und bei den Piraten speziell: Quoten in der Politik können erfolgreich sein, wenn man den Anteil der Frauen an der Basis einerseits und die Frauen in Spitzenpositionen andererseits als Maßstab nimmt. Gutes Beispiel sind die Grünen mit einem Frauenanteil von 37%. Schlechteres Beispiel ist die SPD, die sich – so munkelt man – oft hinter der Quote versteckt, wenn es darum geht die dominant-männliche Kultur zu problematisieren.
Für die Piraten hoffe ich, dass wir beweisen können, dass Geschlechtergerechtigkeit und diverse Repräsentanz auch ohne Quote geht. Wie geil wäre das denn bitte?!
Wenn wir darin allerdings failen, dann sollten wir spätestens im Hinblick auf 2017 konkrete Maßnahmen diskutieren.
Quellen / Links:
Dies ist eine klitzekleine Auswahl. google Scholar etc. liefern zu allen Themen unzählige gute Studien.
Überblick über den Anteil von Frauen in den Spitzengremien der deutschen Wirtschaft vom DIW (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung):
http://soep.info/downloads/11-3-1%20Dauerbrenner%20zu%20wenig%20Frauen%20an%20der%20Spitze.pdf
Übersicht über Frauen in DAX ARs / Vorständen bei FIDAR:
http://www.fidar.de/Index-Aufsichtsrat-Vorstand.116.0.html
Gesetzesentwürfe zu Geschlechterquoten in der Wirtschaft von Grüne / SPD:
http://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2011/36878087_kw48_de_frauenquote/index.html
Artikel 3 des Grundgesetzes:
http://dejure.org/gesetze/GG/3.html
Verfassungsrechtler und ehem. Präsident des Bundesverfassungsgerichts Prof. Hans Jürgen Papier: Quote wäre Verfassungs-konform:
http://www.degruyter.com/view/j/zgre.2011.40.issue-4/zgre.2011.305/zgre.2011.305.xml
Kurze Übersicht über existierende Quotenregelungen in Europa:
http://www.tagesschau.de/wirtschaft/frauenquote174.html
Spiegel zur Frauenquote in Norwegen:
http://www.spiegel.de/politik/ausland/in-norwegen-funktioniert-die-frauenquote-in-aufsichtsraeten-a-831693.html
Die FES ausführlicher zur Frauenquote in Norwegen:
http://www.astrid-online.it/Le-pari-op/Documenti/FES_Frauenquote_06_2010.pdf
Women in economic decision-making in the EU:Progress report (inkl. ausführlichem Überblick zu Quotenregelungen in der EU):
http://ec.europa.eu/justice/gender-equality/files/women-on-boards_en.pdf
Studie zu Frauen in Führungspositionen und Quote in UK vom Departement of Business:
(At the current rate of change it will take over 70 years to achieve gender-balanced boardrooms in the UK):
http://www.bis.gov.uk/assets/biscore/business-law/docs/w/11-745-women-on-boards.pdf
PM des deutschen Juristinnenbundes zur nicht-funktionierenden Selbstverpflichtung:
http://www.djb.de/Projekt_HV/Presse/djb-Papiere/PM11-24/
Und hier die FlexiQuote:
http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/gleichstellung,did=166996.html
EU PM “Mehr Frauen in Chefetagen: Europäische Kommission prüft Optionen”: (zur EU-weiten Quotenvorgabe, 75% der Bürger befürworten Quoten)
http://europa.eu/rapid/pressReleasesAction.do?reference=IP/12/213&format=HTML&aged=0&language=DE&guiLanguage=en
Eine Frau muss ein Mann sein, um Karriere zu machen, Studie zur beruflichen Chancengleichheit:
http://www.complexity-research.com/ProjekteResearchChancen.htm
Als Einstieg: Wikipedia zur Theorie der sozialen Schließung:
http://de.wikipedia.org/wiki/Theorie_sozialer_Schlie%C3%9Fung
Women Board Directors Align With Strong Performance at Fortune 500 Companies:
http://www.catalyst.org/publication/200/the-bottom-line-corporate-performance-and-womens-representation-on-boards
Experiment zur Auswirkung von Gender-Diversität in Teams:
http://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=1826024
Why Three or more women enhance governance:
http://vkramerassociates.com/writings/CriticalMassExecSummary%20PDF.pdf
Ausführliche Argumentation(shilfe) der FES zu Gleichstellungspolitik:
http://library.fes.de/pdf-files/wiso/07877.pdf
Lena Rohrbach (@arte_povera) im Blog über Mißverständnisse zu Quoten:
http://www.wider-die-windmuehlen.de/2011/06/3-piraten-missverstandnisse-zur-frauenquote/
Zwei Posts Pro / Contra Quote zusammengefasst beim Kegelklub:
http://kegelklub.net/blog/allgemein/pro-contra-quote/
Ergänzend zum Grundgesetz-Absatz kann man noch aufführen:
“Bei der mittelbaren Drittwikung gelten die Grundrechte nicht unmittelbar im Privatrecht,sie prägen es aber. Denn die staatlichen Organe werden verpflichtet das staatliche Recht so anzuwenden, dass das Wertesystem der Grundrechte auch zwischen Privaten effektiv gemacht wird. Dabei strahlen die Grundrechte auf das bürgerliche Recht, vor allem in Form von Generalklauseln. Diese Klauseln werden auch als Einbruchstellen der Grundrechte in das bürgerliche Recht bezeichnet. Generalklauseln sind erkennbar an unbestimmten Rechtsbegriffen wie die guten Sitten, Treu und Glauben. Aber auch an den Begriffen “rechtmäßig” oder “sittenwidrig” können sie erkannt werden.
Die speziellen Normen stellen sich meist nur die Frage der Verfassungsmäßigkeit oder Verfassungswidrigkeit, bei Generalklauseln spielt die Frage der grundrechtskonformen oder nicht konformen Auslegung eine Rolle.
Nach stRspr. und h.L. zur unmittelbaren Drittwirkung gelten die Grundrechte nicht unmittelbar im Privatrecht, sie prägen es aber. Nach dem Lüth-Urteil (E 7,198 ) und dem Sozialplan-Urteil (E 73, 261) darf keine bürgerlich-rechtliche Vorschrift im Widerspruch zu den Grundrechten stehen, jede muss im Geiste ausgelegt werden.
Die mittelbare Drittwirkung kann auch als Ausprägung der Schutzfunktion der Grudrechte gesehen werden. Denn ihre Bedeutung ist nicht zu unterschätzen: jeder Bürger soll die gleichen Chancen zur Verfolgung und Durchsetzung seiner Interessen haben. Durch die Generalklauseln wird die von den Grundrechten verlangte Chancengleichheit möglich gemacht, ohne dabei einen Bürger gegenüber einem anderen wehr – oder schutzlos zu stellen.”
Quelle: Juristischer Gedankensalat v 21.4.2010 (abgerufen am 4.6.2012) URL: http://www.juristischer-gedankensalat.de/2010/04/21/grundrechtsbindung-staatlicher-und-privater-adressaten/
Hallo,
nach dem ersten Lesen eine erste grundsätzliche Anmerkung.
Der Text enthält sehr viele Behauptungen; am Ende kommen einige allgemeine Quellen und Links.
Es ist einem Leser nicht zuzumuten, sich bspw. für die Aussage “Vier 50jährige weiße deutsche Akademiker werden
eher einen Mann mit ähnlichem Hintergrund zu ihrem nächsten Kollegen machen als eine Frau,….” in den ganzen Quellen
diejenige Stelle herauszusuchen, die diese Aussage belegt.
Es mag ja sein, dass alle aufgestellten Behauptungen im Text “bewiesen” werden können,
aber ohne direkte Angabe von Quellen zu den Kernbehauptungen ist die Gesamtargumentation unbrauchbar.
Würde mich freuen, wenn du die direkte Zuordnung von Quellen zu den Kernargumenten im Text nachpflegen könntest
Hallo CafeGedanken,
ich vertraue da im Zweifelsfall auf die google-Kompetenz meiner LeserInnen!
oh, finde ich schade.
ich hatte gedacht, dein vorschlag soll der aktuellen piraten-diskussion zur quote eine hilfestellung geben.
wenn es aber nur ein text voller behauptungen ist u man sich selbst die belege raussuchen muss, hillt der text aus meiner sicht kaum weiter.
Anderes Thema :
Mir ist nicht klar, wieso du einige male andere gruppenattribute wie “weiß” (bei “weiße deutsche Akademiker”)
verwendest (sowie auch “homosexuell” und “Ausländer” ) im text verwendest.
wenn diese gruppen erwähnt werden, muss aus meiner sicht auch eine entsprechende berücksichtung dieser gruppen in deinem quoten- vorschlag erfolgen – ansonsten bleibt man als leser ratlos wieso du das überhaupt einstreust.
ich stimme dir grundsätzlich zu und bin auch überzeugt davon dass wir eine solche quote für die chefetagen bald bekommen werden, selbst wenn die cdu weiterhin regierungspartei bleibt. und das gar nich mal so sehr aus gleichstellungsgründen, sondern wie von dir beschrieben aus dem grund dass unternehmen mit einer diverseren mitarbeiterInnenstruktur erfolgreicher sind als verkrustete männervereine in denen qualifikation eben nicht vor geschlecht geht wie so oft fälschlicherweise behauptet wird. der aussage im letzten absatz würde ich aber widersprechen. ich finde geschlechtergerechtigkeit in der politik wesentlich wichtiger und auch leichter umzusetzen als in großen privatunternehmen. zumindest wenn man an das primat der politik glaubt. man sollte schon auch vor der eigenen türe kehren, mir persönlich ist daher aktuell eine quote für sich weiblich fühlende menschen für die kommende kandidatInnenlisten wichtiger als eine für die wirtschaft.
Schön, dass du betonst, dass eine (geschlechtsneutrale) Quote halt nicht als einfacher Karrierefahrstuhl für Frauen gefordert wird, sondern viel tiefere Veränderungen in Unternehmen verursachen würde – wovon nicht nur zukünftige Vorstandssprecherinnen profitieren.
Ab dem mittleren Management regiert ein Überschaubarer sozialer Zirkel, häufig mit einem konservativen Lebensentwurf (männlich, weiß, Akademiker, obere Mittelschicht, Hausfrau daheim, Sekretärin, 60 Stunden Woche). Wenn Unternehmen auch andere Lebensentwürfe zulassen (Teilzeitmodelle, Kinderbetreuung, Familienauszeiten für Männer & Frauen kein Karrierekiller etc) zerspringt die gläserne Decke halt nicht nur für Frauen.
So, nun habe ich auch endlich meinen kleinen (etwas älteren) Jarass/Pieroth GG-Kommentar in der 6. Auflage von 2002 (!) griffbereit: “[...] Bei einer Ungleichbehandlung von Männern und Frauen muss der Arbeitgeber das Vorliegen sachlicher Gründe beweisen [...]. Dabei ist ein strenger Maßstab anzulegen (BVerfGE 89, 276/289 f) Zudem wird Art. 3 Abs. 2 bereits verletzt, wenn das Geschlecht (nur) einer von mehreren Gründen für die Nichteinstellung ist (BVerfGE, ebenda, 288 f). Auf der anderen Seite dürften private Aktivitäten zugunsten der tatsächlichen Gleichberechtigung in großem Umfang zulässig sein. Dies dürfte auch für Quoten in Parteien gelten [...].”
Kleiner juristischer Exkurs zu Art. 3 Abs. 2 GG, den ich eigentlich schon – aus Eigeninteresse nachschlagen und – oben posten wollte.
Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Quoten, doofe Kinderbücher und Popkultur auf’s Ohr – die Blogschau
1) Warum nur Quoten für den Vorstand, für große Unternehmen? Warum nicht überall? Ist das nicht Rosinenpickerei? Welcher selbsternannten Elite soll eine solche Quote helfen, von der 99,99% aller Frauen in Deutschland nichts haben?!
2) Qualifikation über Geschlecht
Für Unternehmen in der IT Branche sind Quoten kaum umsetzbar, da hier auf dem Arbeitsmarkt leider sehr wenig Frauen verfügbar sind. Das betrifft auch andere Bereiche und gerade Unternehmen im Bereich IT und Maschinenbau sind in Deutschland sehr groß (und an der Börse). Ich denke, dass wir hier eher ein generelles gesellschaftliches Problem haben, da Frauen, obwohl sie besser und sicherer das Abitur schaffen (Jungen bekommen in der Schule für gleiche Leistung die schlechteren Noten – Studie im Auftrag von Vodafone), wesentlich seltener technische Berufe wählen. Dafür kann und darf man Unternehmen nicht bestrafen. Denn: Wenn weniger Frauen verfügbar sind, die Quote sich dafür aber nicht interessiert, dann müssen zwangsläufig auch ungeeignete Bewerberinnen eingestellt werden.
3) Teilzeit und Co
Es wird gerne kritisiert, dass Frauen große Probleme hätten, Führungsaufgaben in Teilzeit zu erledigen zu dürfen. Das gleiche Problem haben Männer. Eine Führungskraft muss große Verantwortung übernehmen und hat nicht selten absurd lange Arbeitszeiten. Das ist natürlich nicht mit Teilzeitjobs zu vereinbaren – völlig geschlechtsunabhängig.
4) Mehr Frauen=Mehr Gewinn?
Ich kenne diese peinlichen Studien. Dort wird aus einer einfachen Korrelation eine Kausalität gemacht. Ich denke mal, es ist allgemeiner Konsens, dass Frauen und Männer die gleichen Leistungen erbringen können. Aber nur weil ein Unternehmen mit weiblichen Führungskräften bessere Ergebnisse erzielt, dann kann man deswegen noch lange nicht sagen, dass dies wegen der Frauen der Fall ist. Es klingt evt. etwas zynisch, aber die korrekte Formulierung wäre eher: “Hoher Gewinn ist auch mit Frauen möglich”, denn das ist das reale Ergebnis der Studien. Frauen ursächlich für die höheren Gewinne anzunehmen ist ein wenig vermessen und würde zudem auch bedeuten, dass Frauen etwas besseres als Männer wären und gerade von dem Denken “Geschlecht X ist besser als Y” wollen wir doch eher wegkommen.
5) Das Grundgesetz
Der Staat soll Gleichberechtigung ermöglichen. Keine Gleichstellung. Männer und Frauen haben aktuell aber die gleichen Chancen. Jede Frau kann alles studieren/lernen. Die Bewertung, ob der jeweilige Bewerber für die Stelle geeignet ist, obliegt dem Arbeitgeber, nicht dem Staat. Ich muss hier natürlich anmerken, dass es schon auffällig ist, dass gewisse soziale Kontakte zu Vorstandposten verhelfen. Aber diese Vetternwirtschaft ist kein exklusives Geschlechterproblem und auch nicht mit Quoten zu lösen. Es würde mMn nicht besser, wenn statt Männer, dann auch vermehrt Frauen über diese zweifelhaften Verbindungen in die Vorstände kämen.
6) Goldröcke
Diese sollten vermieden werden, sind aber das zwangsläufige Resultat von Quoten.
7) Nur Geschlechterquoten?
Was ist mit Migranten, religiösen Minderheiten und Homosexuellen? Dort findet eine Diskriminierung statt. Aber wen interessiert es? Was ist mit Menschen mit sozial schwachem Hintergrund? Ein Bekannter, der leider zu wenig diskussionsfördernden, aber durchaus interessanten Zynismus neigt sagte mal folgendes:
“Was ist mit den Hauptschülern? In den Vorständen sind viel zu wenige Hauptschüler! Da brauchen wir auch eine Quote!”
Und damit spricht er eben etwas sehr wichtiges an: Diskriminierung und Benachteiligung gibt es in viel mehr Bereichen als nur der Frage “Mann oder Frau”. Aber wäre eine Gleichstellung aller Menschen förderlich? Nein. Keine Gleichstellung. Nur die Gleichberechtigung. Einen Anspruch auf einen Chefsessel hat leider niemand. Über die Gleichstellung wird aber versucht diesen Anspruch zu rechtfertigen. Das finde ich nicht gut.
Fazit:
Ich bin gegen jede Art von Diskriminierung, das bedeutet aber auch, dass jede Firma immer den am besten geeigneten Bewerber nehmen sollte, unabhängig vom Geschlecht, der sexuellen Orientierung, der Religion oder anderen Merkmalen. Eine Quote ist da leider wenig Hilfreich.
1) Weil der Staat imho so wenig wie möglich in die freie Wirtschaft eingreifen soll und Quoten auf unteren Ebenen die freie Berufswahl einschränken würde.
2) Auch die Vorstände von IT-Unternehmen (oder anderen technisch-orientierten) bestehen nicht nur aus Informatikern. Eher im Gegenteil. Zufälliges Beispiel: Von 6 SAP-Vorständen sind 4 BWLer… http://www.sap.com/corporate-de/our-company/executive-board.epx
3) Nicht alle Frauen wollen Teilzeit arbeiten. Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist ein extrem wichtiges Thema, das aber nicht mit der Quote in einen Topf geworfen werden kann.
4) Weder ich noch eine der verlinkten Studien behaupten, dass es eine direkte Kausalität gibt. Aber rein zufällig ist die Korrelation sicher auch nicht.
5) Bitte lies Dir das Gutachten von Prof. Papier durch. Und formale Chancengleichheit ist noch lange nicht reelle Chancengleichheit.
6) Auch das ist kein Problem der Quote. Postenhäufung bei Aufsichtsratsmandaten gibt es leider schon sehr lange, gerade auch in Deutschland. Bisher sind es eben alles Männer. Es gibt entsprechende Gesetzeentwürfe, die Anzahl der Posten zu deckeln, aber nochmal: Das ist kein Problem der Quote… (Sonst dürfte es diese Häufung in Deutschland ja noch nicht geben.) Spannend ist aber, dass es erstmals für Frauen mit mehreren Ämtern ein “Wort” dafür gibt.
7) Nur weil eine Maßnahme nicht allen, allen hilft, darf man sie nicht ergreifen? Nicht mein Verständnis von Gerechtigkeit. Oder Politik.
Dein Fazit argumentiert ja eigentlich für die Quote.
Danke!